Neue Hürden durch Zwangsberatung – wann hört das endlich auf?

Wieso wird immer wieder behauptet, mit der „Ehe für alle“ gäbe es ja nun eine rechtliche Gleichstellung? Für Frauenpaare mit Kindern gilt diese Gleichstellung jedenfalls nicht!

Frauenpaare, deren gemeinsame Wunschkinder in die bestehende Partnerschaft hineingeboren werden, wird der Weg zur rechtlichen Elternschaft schwer gemacht. Anders gesagt, Kindern in Regenbogenfamilien wird ein unnötiger langer Prozess aufgebürdet, bis sie in der gleichen rechtlichen Ausgangslage sind, die andere Kinder bereits von Geburt an haben: zwei Elternteile in der Geburtsurkunde, die gleichermaßen für das Kind verantwortlich sind, die das Kind beerben kann usw.

Verantwortlich dafür ist der Prozess der Stiefkindadoption: ein Verfahren, das eigentlich dazu erdacht wurde, das ein später ins Leben kommender Partner oder Partnerin die rechtliche Rolle des ursprünglichen Elternteils einnimmt. Also beispielsweise wenn die leibliche Mutter verstirbt, der Vater 5 Jahre später neu heiratet und die neue Partnerin die Kinder dann adoptiert.

In diesem Rahmen mag es Sinn machen, dass vom Jugendamt und vom Familiengericht geprüft wird, ob sich annehmende Person und Kind(er) gut kennen, die Beziehung gefestigt ist, niemand rechtlich Ansprüche auf das Kind geltend macht und die Stiefkindadoption dem Kind nicht zum Nachteil wird (so könnte beispielsweise ein finanziell bedeutendes Erbe verloren gehen, weil die Verwandtschaftsverhältnisse auch zu den Großeltern dann rechtlich beendet sind!)

Nichts davon trifft jedoch auf die Kinder von Frauenpaaren zu, die mittels Samenspende gezeugt wurden und die durch die geltende Regelung nur ein Elternteil – die gebärende Mutter – in der Geburtsurkunde stehen haben. Dennoch müssen sie sich der gleichen Prozedur unterziehen, und es variiert von Jugendamt zu Jugendamt erheblich, welche Voraussetzungen hierfür gefordert werden. Immer wieder hört man auch davon, dass die nicht-gebärende Mutter sogar das „Pflegejahr“ einhalten muss. Damit erst mal geguckt wird, ob überhaupt eine Beziehung zum Kind besteht. Das ganze ist ein überflüssiger, manchmal demütigender und vor allem viel zu langwieriger Prozess, der sowohl dem Kind wie auch seinen Eltern nur Nachteile bringt.

Daran hat auch die Einführung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nichts geändert. Es gilt ein Ehemann ohne jeglichen Nachweis immer automatisch als Vater, wenn ein Kind in der Ehe geboren ist. Hierbei geht es allein um die rechtliche (!) Zuordnung, nicht um tatsächliche genetische Abstammung (Unberührt davon ist das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung). Nicht verheiratete Frauen müssen nur den Namen eines Mannes beim Jugendamt angeben und dieser kann die Vaterschaft ohne Probleme formlos anerkennen. Auch hier geht es nur um eines: die rechtliche Zuordnung eines zweiten Elternteils für das Kind. Ob die genetische Elternschaft vorliegt, ist dabei völlig ohne Belang. Hier gibt es also eine gravierende Kluft zwischen den Rechten eines Ehemannes und denen einer Ehefrau. Ein Ehemann ist durch den Ehestatus Elternteil. Eine Ehefrau muss ihre Eignung und die Bindung zum Kind nachweisen sowie Geld und Zeit investieren.

Aber es zeigte sich ein Silberstreif am Horizont: Das Abstammungsrecht sollte nach Empfehlungen des Arbeitskreises des Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz völlig überarbeitet werden und die Mit-Mutterschaft von Geburt an möglich machen. Auch sollte das Abstammungsrecht in „Eltern-Kind-Zuordnung“ benannt werden, was deutlich macht, dass es hier um weit mehr geht als die genetische Elternschaft. In dem Beitrag über den Adoptionsantrag für Lino habe ich schon einmal darüber geschrieben – das war 2017. Also war zu hoffen, dass sich im Laufe der Zeit etwas ändert und wir vielleicht fürs zweite Kind diese Prozedur nicht noch einmal durchlaufen müssen.

Nun soll im Sommer ein neues Gesetz auf den Weg gebracht werden: das neue Adoptionshilfegesetz. Und was steht darin? Zusätzlich zu den bisher ohnehin schon vorhandenen Hürden soll es für die Stiefkindadoptionen noch eine weitere geben: mindestens (!) eine verpflichtende Beratung in einer Adoptionsvermittlungsstelle. An keiner einzigen Stelle des Gesetzentwurfs ist von Regenbogenfamilien oder der Situation gleichgeschlechtlicher Eltern die Rede. Dabei ist davon auszugehen, dass der Anteil dieser Gruppe an den jährlich ca. 2300 bundesweiten Stiefkindadoptionen nicht unbedingt verschwindend winzig ist. In dieser Statistik von 2018 (S.5) ist nachzulesen, dass allein 352 Kinder vor dem ersten Geburtstag stiefkindadoptiert wurden. Ich würde davon ausgehen, dass der Löwenanteil dieser sehr früh adoptierten Kinder die Regenbogenfamilien betrifft. Unser Sohn wurde mit 13 Monaten adoptiert – er findet sich also in der Gruppe der 1-3 Jährigen (386 Kinder), so wie vermutlich viele andere Kinder von Frauenpaaren, bei denen sich die Prozedur in die Länge zog.

Obwohl die Regenbogenfamilien sicherlich eine zahlenmäßig nicht zu vernachlässigende Gruppe bei den Stiefkindadoptionen darstellt, werden wir in dem Gesetzesentwurf einfach mit allen anderen in den Topf fremder Stiefelternteile geworfen, ohne die völlig anderen Voraussetzungen auch nur zu erwähnen.

Es ist einfach so frustrierend, dass es rückwärts geht anstatt dass endlich die überfälligen Reformen stattfinden. Es geht schlicht und einfach um diese unterschiedliche Behandlung. Eine unterschiedliche Handhabe ist Diskriminierung, egal wie man es dreht und wendet.

Der LSVD hat hierzu eine Petition gestartet:

https://action.allout.org/de/a/regenbogenfamilien/

Wir haben bereits unterzeichnet und würden uns über jede zusätzliche Unterschrift freuen, die die rechtliche Gleichstellung für Regenbogenfamilien unterstützt.

P.S.:Die Argumentation, es gehe um das Recht des Kindes auf Wissen um seinen biologischen Erzeuger oder um die Rechte des biologischen Erzeugers auf das Kind gilt übrigens bei Heteropaaren genauso wenig. Und klar, die meisten Kinder werden in eine Familie geboren, wo die rechtlichen Eltern auch die biologischen sind. Aber es sollte doch klar sein, dass es doch auch bei Heteropaaren einen nicht zu vernachlässigenden Anteil gibt, wo das nicht zutrifft (Kuckuckskinder, assistierte Reproduktion mit Eizell- oder Samenspende). Warum müssen die nicht auch stiefkindadoptieren? Das Kind eines Frauenpaares wird immer dabei wissen, dass es noch einen biologischen anderen Elternteil gibt. Viele andere Kinder wissen das nicht.

 

Ein Gedanke zu “Neue Hürden durch Zwangsberatung – wann hört das endlich auf?

  1. Danke dass ihr die Petition teilt! Ich habe auch bereits unterzeichnet und hoffe, dass es noch viele Menschen tun würden. Wirklich schlimm diese Entwicklung…echt frustrierend das alles. Und dabei könnte es so einfach sein.

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