Nachts abstillen – ein Erfahrungsbericht

Die Nächte mit Lino blieben bis über den ersten Geburtstag hinaus grottenschlecht. Meine Frau stillte meist immer noch alle ein bis zwei Stunden, und oft jeweils lange. Ich hatte schon mal ungefähr seit dem 10. Monat ab und an das nächtliche Abstillen ins Gespräch gebracht, aber immer wieder wenn meine Frau vor Schlafmangel und Genervtheit kurz davor war durchzudrehen, gab es mal ein paar bessere Nächte und Anlass zur Hoffnung, dass es doch jetzt mal endlich dauerhaft längere Schlafphasen geben müsse. Diese Hoffnung hielt aber meist nicht so lange. Selten gab es Abende, an denen Lino schon schlief und die wir ungestört zusammen bis 11 Uhr zusammensitzen konnten, ohne dass meine Frau noch mal zum Stillen hoch musste. Ein bis zwei Male innerhalb der ersten drei Nachtstunden waren die Regel, und die Nacht lief dann genau so weiter. Meine Frau scheute sich aber auch vor dem abstillen und fand, es sei noch zu früh für ihn, dass er das noch brauche. Außerdem hatte sie Angst, dass es an der Schlafsituation nicht wirklich etwas verbessern würde – dass Lino nachts weiterhin so häufig aufwacht, man aber viel mehr Stress hat, weil man ihn ohne dem einfachen Stilltrick nicht zum einschlafen bekommt.

Nach dem ersten Geburtstag fing sie aber schließlich an, punktuell die Brust nachts zu verweigern, vor allem wenn er sehr lange genuckelt hatte und sie einfach nicht mehr konnte. Sie versuchte (in Anlehnung an das Programm von Dr. Gordon, siehe links unten) für sich Grenzen festzulegen, z.B. von 0 bis 4 Uhr nicht zu stillen, aber das erwiese sich als ganz schön schwierig. Lino konnte ja nicht verstehen, dass er teilweise die Brust bekam, dann aber wieder nicht. Oft weinte er dann und wurde wütend. Aber er schaffte es auch – mal mehr, mal weniger schnell, sich zu beruhigen und irgendwann einzuschlafen. Aber oft war es auch ein Kampf. Einmal weinte und jammerte und tobte er echt zwei Stunden – meine Frau bat mich dann zu übernehmen, weil sie selber kurz vorm explodieren stand. Ich schaffte es dann irgendwann ihn zu beruhigen (nachdem er sich erst wütend abgewendet hatte) und er wäre fast eingeschlafen…dann ging es doch wieder von vorne los. Er weinte nach Mama und „Bulle trinken!“ (Das Wort Bulle hat er irgendwann benutzt, als er noch kein s und kein Endungs-N sprechen konnte. Wir sind dann bewusst dazu übergegangen, das Wort auch zu benutzen, damit das Kind nicht mitten im Supermarkt „Buseeeen!“ brüllt.), bis meine Frau zurückkehrte und ihn stillte. Sie versuchte ansonsten konsequent zu sein, also bei einem Nein immer zu bleiben, wenn sie es ausgesprochen hatte. Aber wie gesagt, es war schwer.

Zum Jahresende, da war Lino 16,5 Monate alt, trafen wir eine befreundete ehemalige Arbeitskollegin von Cleo wieder, die ihr drittes Kind zwei Monate nach Linos Geburt bekommen hatte. Sie hatte ihre Tochter auch 13 Monate lang gestillt und dann aus ähnlichen Gründen nicht mehr gewollt. Auch die Kleine schlief schlecht und stillte nachts oft, wenn auch weniger als unser Sohn. Sie erzählte dann, dass sie für ein paar Nächte aus dem Familienzimmer ausgezogen sei, und ihr Mann mit der Kleinen alleine blieb. Dass es eine Nacht „schlimm“ war, es aber schon nach wenigen Tagen so gut lief, dass sie wieder zurück ins Schlafzimmer konnte, und seitdem würde sie meist durchschlafen und ließe sich jetzt ohne Stillen hinlegen. Tagsüber würde sie aber noch weiterhin stillen, das sei alles okay. Das gab für uns die Motivation, es nun doch auch mit dem endgültigen nächtlichen Abstillen zu versuchen. Meine Frau hatte aber die Befürchtung, dass sie das zu erwartende Gebrülle dann nicht gut aushalten könne. Also lud die Freundin sie ein, doch dort zu übernachten. Ich fand die Idee super und ermutigte meine Frau, diese Chance jetzt zu ergreifen. Ich hatte zwar selbst ziemlich Bammel vor dem, was da auf mich zukommen würde, denn ich sollte Lino ja schließlich trösten und begleiten, und wir rechneten schon mit einer starken emotionalen Reaktion. Aber andererseits glaubte ich auch wirklich, dass es klappen kann. Schließlich schlief unser Sohn ja seit kurzem auch in der Kita ohne Brust ein – er konnte es also grundsätzlich.

Somit wurde der 31.12.18 der letzte Abend, an dem zur Nacht gestillt wurde. Neujahr besuchten wir die Eltern meiner Frau. Wir erzählten Lino, dass Mama jetzt dort übernachten würde (tat sie zwar nicht, war für ihn aber leichter zu verstehen), und er jetzt mit Mami nach Hause fährt. Wir erklärten ihm auch, dass er diese Nacht ohne Bulle schlafen würde. Das machte auf ihn noch keinen großen Eindruck, obwohl ich schon denke, dass er das verstanden hat, dass Mama nicht mitkommt, weil er gewunken und tschüss gesagt hat. Wie ich es geplant und gehofft hatte, schlief er unterwegs im Auto ein, und ich konnte ihn schlafend ins Bett tragen. Leider hielt der Schlaf dann tatsächlich nur eine Stunde und er wachte das erste Mal auf. Er weinte nach Mama und Bulle. Ich erzählte ihm wieder, dass Mama gar nicht da sei, sondern heute bei Oma und Opa schlafe. Er weinte, war aber auch wütend und wich meiner Hand aus, die versuchte ihn tröstend zu streicheln, warf sich im Bett hin und her und rief nach Mama. Es war nicht leicht, das so auszuhalten, da er meine Versuche ihn zu trösten abwies, aber mir half der Gedanke, dass dieses Weinen ein Weinen aus Frust, Ärger und Trauer war, dass er nun nicht seine gewohnte Einschlafhilfe zur Verfügung hatte, und seine Gefühle auch ihren Raum brauchten. Schließlich sagte ich zu ihm: „Ich weiß, du willst so gerne die Mama und Bulle haben…“ „…ja, so gerne, so gerne…“ schluchzte er…. „aber Mama ist nicht da. Und ich weiß du schaffst das. Du kannst auch ohne Bulle einschlafen, Du schaffst das.“ „Jaahaaaaa“ entgegnete er mit zitternder Stimme, und begann sich zu beruhigen. „Willst du kuscheln mit mir? “ fragte ich, und er krabbelte schließlich unter den letzten Schluchzern zu mir und legte sich in meinen Arm. Er rutschte hin und her, ich sang ihm ab und an leise etwas vor oder erzählte Einschlafgeschichten. Er brauchte noch ca. zwei Stunden, bis er eingeschlafen ist, weinte aber nicht mehr. Die Phase des Weinens und Wütens hat nur etwa 10 Minuten gedauert. Er wachte dann noch zwei oder drei mal auf und weinte etwas nach Mama und Brust, beruhigte sich aber schneller und schlief auch schneller ein.

Den folgenden Abend wollte meine Frau wieder zu Hause schlafen, wir fanden es aber besser, wenn sie erst mal auf dem Sofa schliefe und wir Lino noch im Glauben ließen, dass sie nachts einfach nicht verfügbar wäre. Wir taten also wieder so, als würde sie wegfahren. Es klappte dann auch mit dem abendlichen Hinlegen ohne Stillen – es dauerte halt, bis er einschlief, und er nutze den Körperkontakt zu mir immer dabei. Nach einigen Nächten schlief meine Frau wieder mit im Schlafzimmer, aber sozusagen undercover, ohne dass Lino das explizit mitbekam. Wir hatten das erst mal offen gelassen, wer ihn schlafen legt und dann weiter seine nächtliche Ansprechperson ist. Ich hatte etwas Sorge, dass mir das zu viel wird, wenn mein Urlaub vorbei ist, aber letztlich lief es dann so gut, dass ich meinte, wir könnten das ruhig so belassen, dass ich weiter für die Einschlafbegleitung und Nachtbetreuung zuständig bin und den Platz neben ihm einnehme. Und so ist es auch noch weiterhin. Es ist nach wie vor ein kleines Wunder für uns, wie sehr sein Schlaf sich verbessert hat. Schon nach wenigen Tagen wachte er nur noch selten auf, und wenn ja, half meistens eine kurze Kuscheleinheit, ein paar leise Worte oder auch nur eine beruhigende Hand auf dem Rücken. Aktuell schläft er oft tatsächlich „durch“, bzw, bekomme ich kein Aufwachen mit. Die Einschlafphase geht mal schneller, mal langsamer. Es gibt Phasen, da braucht er eine Stunde, will auch noch etwas vorgesungen haben, wälzt sich viel rum, küsst mich ungefähr einhundert mal. Oder ich erzähle die selbst erdachte Geschichte vom kleinen Fuchs, der nicht schlafen konnte, die wirkt meistens ziemlich gut (meine Frau meint, es liegt daran dass die Story so langweilig ist). In anderen Phasen schläft er innerhalb von fünf Minuten ein. Manchmal nervt mich, wenn es zu lange dauert und ich gerne schon mit einem Stück Schokolade auf der Couch liegen würde, aber meistens genieße ich die gemeinsame Zeit beim Einschlafen durchaus (und schlafe manchmal selber dabei ein). Was wir bislang wirklich nie haben, ist eine Weigerung ins Bett zu gehen, oder Tränen weil er nicht schlafen will, und darüber bin ich echt froh. Alles hat sich gut reguliert, und meine Frau konnte endlich anfangen, sich von fast 17 Monaten Schlafmangel zu erholen. Wir sind sehr zufrieden, dass wir das auf diese Weise geschafft haben, und das Band zwischen unserem Sohn und mir hat sich dadurch noch einmal verstärkt. Er schläft mit fast 2 Jahren immer noch neben mir, in seinem eigenen Bett. Wenn er jetzt nachts aufwacht, ruft er nach Mami und Kuscheln. Auch das wird er irgendwann nicht mehr brauchen, aber das hat meiner Meinung nach auch noch Zeit.

Meine Frau hat tagsüber noch 3,5 Monate weiter gestillt, bevor es dann nach 20 Monaten Stillbeziehung den endgültigen, aber tränenlosen Abschied gab. Hier hat meine Frau über viele Tage Lino vorbereitet und ihm gesagt, dass die Brust bald leer sei (sie hatte auch wirklich immer weniger Milch) und sie ihn jetzt auch nicht mehr stillen wolle. Am Tag x wurde ihm deutlich gesagt, dass dies jetzt das letzte Mal sei. Es gab einen sehr zauberhaften Abschied, als Lino die Brust küßte und sagte „Tschüss, Bulle!“ Trotzdem hat er zu anderen Gelegenheiten (über Monate hinweg) noch einige Male gefragt. Manchmal hat meine Frau ihn dann später auch nochmal probieren lassen, damit er auch merkt: da kommt wirklich nichts mehr raus.

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Hier sind einige Links zum Thema nachts abstillen, die wir zu dem Thema gelesen haben und hilfreich fanden:

https://www.still-lexikon.de/nachts-abstillen/

https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/10/naechtliches-dauerstillen-tipps-zur-verringerung-der-stillfrequenz-und-zum-abstillen-in-der-nacht.html

https://rabeneltern.org/index.php/wissenswertes/schlafen-wissenswertes/1221-besser-schlafen-im-familienbett

https://www.vonguteneltern.de/das-kleinkind-nachts-abstillen/

https://geborgen-wachsen.de/2018/04/25/nachts-abstillen-wie-die-stillbeziehung-mit-kleinkind-weiter-gefuehrt-werden-kann-ohne-naechtliches-stillen/

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5 Gedanken zu “Nachts abstillen – ein Erfahrungsbericht

  1. Liebe Manuka, es freut mich dass ihr auch so eine gute Erfahrung mit dem nächtlichen Abstillen gemacht habt. Und ihn mit ratsuchenen Müttern teilt!

    Längst ist mein Artikel dazu überfällig! Ich hab meine Tochter mit ca 13 Monaten auch nachts abgestillt. Sie wachte häufig auf und hätte am liebsten Stunden einfach nur genuckelt. Es war so kräftezährend. Außerdem wollte ich ehrlich gesagt die nächtliche Unabhängigkeit wieder haben und gerne tagsüber nach Lust und Laune von uns beiden weiterstillen. Ich orientierte mich auch an dem Zeitprogramm. Von halb elf bis fünf habe ich konsequent nicht gestillt. Außerdem habe ich nicht mehr im Lieegen sondern nur noch sitzend gestillt. Ich hatte mich dafür entschieden, dass ich mich nachts kümmere, weil ich ihr nicht Mami und Brust nehmen wollte. Mein Mann und Sohn zogen so lange ins Kinderzimmer, denn es wurde laut. Sie war so wütend und enttäuscht. Ich trug sie (so schlief sie zum Mittagsschlaf oft ein) und sprach mit ihr. Mit meinen Worten beruhigte ich vor allem mich. ‚Ich brauche die Nacht wieder für mich. Ich liebe dich unendlich und ich bin für dich da.‘ Sie trank Wasser aus einer Flasche. Ich wusste körperlich ist bei ihr alles in Ordnung. Es wurde von schon in der zweiten Nacht besser. Eine Woche später schliefen wir beide diese Stunden durch. Es war wie ein Wunder. Sie schlief tatsächlich besser! Oft brauchte sie die Stilleinheit nach dem Einschlafen gegen 22h auch nicht mehr. Sie hat geweint, ja. Aber ich habe sie nie „schreien lassen“. Ich war immer für sie da und hab ihr alles, außer meiner Brust, gegeben was sie brauchte.
    Das stillfreie Zeitfenster habe ich übrigens mit Worten verdeutlicht: „Schlafenszeit“ bedeutete keine Brust. Nach „Guten Morgen“ wurde wieder gestillt, auch wenn wir dann manchmal noch ne Runde weiter schliefen.
    Tagsüber wurde es immer weniger und als sie neunzehn Monate alt war und nur noch abends beim Vorlesen ein bisschen nuckelte, hab ich es ihr einfach nicht mehr angeboten und sie hat irgendwann nicht mehr gefragt. Ich hab für mich die letzten paar Male mir ganz bewusst gemacht dass es jetzt das letzte Mal sein könnte und das war wunderschön. Ihr sagte ich, dass sie ja auch bald groß genug ist nicht mehr zu stillen. Verweigerte die Brust abends aber nicht.

    Ich kann allen die sich die Nacht zurückholen wollen, wieso auch immer, nur empfehlen: Macht es. Wenn euer Kind 12 Monate alt ist, tagsüber gut isst und trinkt und nachts auch Wasser nimmt, ihr es begleitet ist das wirklich okay und bestimmt schläft euer Goldschatz ganz bald auch ohne Brust gut!

    Inzwischen ist sie zwei und erklärte mir kürzlich als sie mir ihre Brust zeigte, dass wenn sie Mal ein kleines Baby hat, kann es an ihrer Brust trinken ❤

    Alles Liebe, Claudia ❤️

    Hör auf dein Herz.
    Herzohr.net

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Claudia,
      gut, dass du das erwähnt hast: natürlich ist es wichtig, dass das Kind alt genug ist, um die Nacht auch ohne Nahrung gut schaffen zu können. Und ich fand es auch wichtig, dass schon eine einfach Kommunktaion zwischen uns möglich war, so dass man erklären, was passiert – und das Kind in seiner (völlig berechtigten) Frustration emotional begleiten kann.

      Gefällt 1 Person

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