Das kleine evolutionäre Erfolgsmodell

Unser Sohn ließ sich die ersten Monate so gut wie gar nicht nicht ablegen. Er brauchte zum Schlafen oder auch einfach nur um sich wohl zu fühlen, immer einen Körperkontakt. Er lag also eigentlich entweder an der Brust meiner Frau, auf einem Arm oder Schoß oder in der Trage. Nachts war meine Frau froh, wenn sie zwanzig Zentimeter Platz zwischen sich und das schlafende Baby bringen konnte. Zumindest bis zum nächsten Stillen, das ja nach einer, spätestens zwei Stunden wieder anstand.

Im Wachzustand ging es mit etwa drei bis vier Monaten, dass er ganz gut mal für zehn, fünfzehn Minuten unterm Spielebogen lag und sich beschäftigte, sofern man in Ruf – bzw. Sichtweite bleibt. Auch Duschen ging dann irgendwann, wenn der Kleine in der Wippe im Bad saß, ein Spielzeug in der Hand hatte und gucken konnte. Kinderwagen und insbesondere Autofahren waren hingegen eine ziemliche Katastrophe. Im Kinderwagen ging es maximal eine Viertelstunde, bis die Tränen liefen und im Autositz ebenso. Mit dem vollen Beschäftigungsprogramm (Vorsingen, Spielzeuge) konnte man es manchmal noch etwas strecken, aber schon bald war das Kind schweißgebadet und weinte zum Herzzerreißen. Wir versuchten deshalb die Autofahrten zu vermeiden oder kurz zu halten, soweit möglich.

Das eingeschlafene Baby tagsüber vom Arm, von der Brust oder aus der Trage alleine für sich abzulegen, glich einer „Mission Impossible“. Entweder wachte er schon beim Ablegen auf, oder spätestens wenige Minuten danach. Wir versuchten natürlich alle möglichen Tricks von denen man so hört und liest umsetzen (außer das Kind schreien zu lassen, denn das ist ganz sicher kein vertretbarer Umgang mit einem Säugling). Wir investierten sogar über 200 Euro in den Kauf einer Federwiege. Die war ohne Zweifel ganz toll. Bloß, unser Sohn ließ sich damit nicht hinters Licht führen. Der spürte ganz genau, dass er nicht von einem menschlichen Körper gewiegt wurde. Somit ging die teure Wiege wieder zurück.

Aber: es geht vielen Eltern mit ihrem Baby ähnlich, und kaum jemand hat sich das wohl vorher so vorgestellt. Tausende ähnlich klingende Suchanfragen, Forumsdiskussionen und Artikel (hier oder hier)  im Internet zeugen davon, dass es für viele Eltern ein Thema ist und alle mehr oder weniger verzweifelt nach Lösungen suchen.  Und irgendwie erscheint es nicht so recht vorstellbar ist, dass das jetzt „normal“ sein soll, dass das Kind dauernd Körperkontakt braucht. Irgendwas muss man da doch besser machen können?! (Oder im Umkehrschluss: irgendwas machen wir wohl falsch, was andere richtig machen). Zumal dann jede*r in seinem Freundes/Familien- und Bekanntenkreis mindestens dieses eine Baby hat, das quasi schon von Geburt an ganz für sich alleine friedlich im eigenen Bettchen 10 Stunden durchgeschlafen hat. Das nur alle vier Stunden gestillt werden will. Das ohne Beschwerde an seinem Nuckel saugend alleine auf der Krabbeldecke so vor sich hinschaut und dann irgendwann einschläft. Einfach so.

Das ist aber weder eine Selbstverständlichkeit noch ein durch die „richtige Erziehung“ erreichtes Verhalten. Kinder sind von Anfang an Individuen, sie unterscheiden sich hinsichtlich vieler kleiner und großer Merkmale. Und bei manchen Babys ist das biologisch verankerte Sicherheitsprogramm, welches vorsieht, dass sich das Kind der unmittelbaren Nähe seiner Bezugspersonen immer gewiß ist, noch besonders sensibel und wirksam. Evolutionär hatten in der Menschheitsgeschichte nun einmal die Kinder die höchste Überlebenschance (insbesondere in den ersten Lebensmonaten wo ein Kind sich nicht einmal selbst bewegen kann), die es schafften durch die Sicherstellung von Körpernähe nicht in Gefahr zu geraten oder zurückgelassen zu werden. Erst mit Körpernähe können sich auch heute noch viele Babys wirklich sicher fühlen und sich soweit entspannen, dass sie schlafen können. Beim Ablegen hingegen wird ganz schnell ein Alarmsignal aktiv: Achtung, Gefahr! Man läßt dich zurück! Und schon gehen die Augen wieder auf.

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Nora Imlau schreibt in ihrem Buch „artgerecht“ an die Eltern solcher Babys:

„Ja, es ist ebenfalls normal, dass viele Babys nur beim Stillen oder Tragen einschlafen. Das ist der sicherste Ort für sie, und das wissen sie instinktiv. Auch wenn die Kinder von Freundinnen sich immer brav ins Bett legen lassen – freuen Sie sich, dass Sie ein kleines, kluges, evolutionäres Erfolgsmodell haben, das sich die Luxusvariante der Säuglingspflege holt!“

Nun ja. Zu verstehen, warum das eigene Kind partout nicht mal einfach für eine Stunde im Kinderwagen schlafen kann, ist ja wirklich hilfreich. Aber freuen, das ist so eine Sache.

Es ist natürlich auch sehr schön, sein Kind im Arm zu kuscheln oder im Tuch zu tragen. Aber 24h am Tag, mit einem Kind das nicht nur gefühlt, sondern eben tatsächlich täglich schwerer und schwerer wird, hält sich die Freude über das kleine evolutionäre Erfolgsmodell doch sehr in Grenzen. Oder anders gesagt: man hätte nichts dagegen, wenn das Kind nicht dauernd an einem kleben müsste und vielleicht ein weniger sensibles Alarmsystem hätte. Wenn man das 9 kg Kind nicht sein komplettes zweistündiges Nachmittagschläfchen auf den Schultern oder im Arm hängen haben müsste.

Wirklich freuen konnte ich mich hingegen über den Moment, als ich mit dem Kleinen nach der Pekip-Gruppe zu meinen Eltern fuhr und dort angekommen, völlig ungläubig feststellte, dass unser Kind eingeschlafen war. EINGESCHLAFEN! IM AUTO! Es hatte ja schon besser geklappt mit dem Autofahren, er hielt es jetzt schon länger aus und beschwerte sich deutlich weniger. In meiner ungläubigen Freude wußte ich erst gar nicht, was ich nun tun sollte mit dem schlafenden Kind im Auto.

Derart euphorisiert, versuchte ich es zwei Tage später mal wieder mit dem Kinderwagen bzw. Buggy. Mit dem Ergebnis, dass dem Sohn nach zehn Minuten die Augen zufielen und er einschlief. Ich konnte das Glück kaum fassen.

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Das ist nun fast vier Wochen her und entgegen der Sorge, dass es nur ein vorübergehendes Phänomen sein könnte, hat sich seitdem das Spazieren fahren im Kinderwagen im 10. Lebensmonat als weitere Einschlafmöglichkeit etabliert. Im Auto klappt es nicht immer, aber doch immer mal wieder. Das eingeschlafene Kind auch im Kinderwagen zu lassen oder nach dem Stillen irgendwo hinzulegen, geht auch immer besser. Im 8. Monat hatte es Cleo ja immerhin schon geschafft, ihn zum Schlafen nachts im angestellten Kinderbett abzulegen.IMAG3122 (2)

Das ist für uns eine riesige Entlastung. Unser Bewegungsradius wird deutlich größer (natürlich auch dadurch, dass er sich im Wachzustand mittlerweile super eine Zeit selbst beschäftigen kann) bzw. können wir tatsächlich ab und zu beide etwas machen und nicht nur immer eine von uns. Auch für die Großeltern ist es jetzt einfacher geworden. Natürlich ist unser „Fräulein Hübsch“ noch weiter im Einsatz, und weiterhin bekommt unser Söhnchen viel körperliche Nähe. Aber, ganz ehrlich: das „kleine evolutionäre Erfolgsmodell“ werden wir wohl nicht besonders vermissen.

 

5 Gedanken zu “Das kleine evolutionäre Erfolgsmodell

  1. Sehr schade finde ich, dass in diesen Muttirunden so wenig Offenheit und „Mitfreude“ herrscht. Warum bekennt sich kaum eine zu ihren „Baustellen“? Warum freut man sich nicht für die Dinge einer anderen, die gut laufen?
    Unsere beiden Kinder haben superschnell durchgeschlafen und konnten auch überall entspannt einschlafen. Dafür haben beide extrem schlecht gegessen und lange am Untergewicht gekratzt. Dann haben sie beide ewig eine Windel getragen, waren dann aber kurz vor dem dritten Geburtstag innerhalb einer Woche Tag und Nacht zuverlässig trocken. Momentan beglückt uns unsere Tochter, die wegen (Teil-)hochbegabung eher eingeschult werden wird, mit cholerischen Wutanfällen an allen ausgefallenen Orten (wir Rabenmütter!) und unser Sohn wurde ein paar Monate im Kindergarten geächtet, weil er andere gebissen hat (momentan ist er das liebste Kind in der ganzen Einrichtung).
    Irgendwas ist ja immer und statt sich Mut zu machen, kommt immer „Also MEIN Kind…“ plus Superlativ. Oder freut euch doch mal mit! So richtig abgeklärt ist man dann ab Kind Nr. 3, vorher wird man zerfressen von Unsicherheit und Schuldgefühlen.
    (Und was noch in den Muttirunden nervt: Gibt es kein anderes Thema als Gewichtsreduktion oder wie kacke der Ehemann ist (wenn er nicht dabei ist) bzw. wie toll er ist (wenn er dabei ist)?)

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    • In „Muttirunden“ bin ich eigentlich kaum unterwegs, das einzige was ich da mitbekommen habe war die Pekip-Gruppe. Da war es eigentlich nicht so übel. Irritiert bin ich eher über die oft erstaunlich konservative Rollenverteilung, die ich so mitbekomme.
      Ich glaube, wenn man zu seinen Baustellen steht, bekommt man gerne mal „schlaue“ Ratschläge um die Ohren gehauen. Ist auch nicht immer so schön….

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  2. „Das eingeschlafene Baby tagsüber vom Arm, von der Brust oder aus der Trage alleine für sich abzulegen, glich einer „Mission Impossible“. Entweder wachte er schon beim Ablegen auf, oder spätestens wenige Minuten danach. Wir versuchten natürlich alle möglichen Tricks von denen man so hört und liest umsetzen (außer das Kind schreien zu lassen, denn das ist ganz sicher kein vertretbarer Umgang mit einem Säugling). “

    Ha, das ist bei uns ganz genauso. Allerdings iimmer noch – mein Sohn liegt gerade selig schlafend auf meinem Schoß. Er ist genau drei Tage jünger als euer Kind! Ich habe den Blog gerade eerst entdeckt uund muss erst mal nachlesen. 😉

    Wir haben jetzt (ziemlich spät) dann doch mal beschlossen, uns ein neues, breiteres Bett zu kaufen. Unser bisheriges ist nämlich nnur 1,40m breit… Selbst wwenn der Kleine bbald besser schlafen ssollte, wird er ja doch noch die eine oder andere Nacht bei uns verbringen.

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