Geburtsbericht (Krankenhaus)

Die Phase, die nun folgte, fand ich am schlimmsten im ganzen Verlauf. Ich konnte bis dahin relativ gut aushalten, dass meine Frau solche Schmerzen hatte, weil ich ja dachte, das ganze hat ja ein Ziel in Sichtweite, aber nun kam mir das ganze nur noch wie eine Quälerei vor.

Ich fuhr gegen 7 Uhr morgens mit ihr im RTW und erinnerte weiter ans Veratmen, während meine Frau auf der Transportliege vor sich hin wimmerte. Routiniert wirkende Rettungskräfte machten ihren Job und nahmen die persönlichen Daten auf. Dann am Krankenhaus ging es über holpriges Pflaster (wer plant sowas in einer Zufahrt zum Krankenhaus?) hoch in einen Kreißsaal, wo wir erst mal alleine gelassen wurden. Es vergingen endlose Minuten mit unzähligen weiteren Wehen, die veratmet werden mussten, bis unsere Hebamme K. , die uns mit ihrem PKW aus dem Geburtshaus begleitet hatte, endlich soweit alles mit der Einweisung abgewickelt hatte und eine Ärztin kam, um den Befund aufzunehmen. Meine Frau sagte „Ist mir egal jetzt, wenn ich schon im Krankenhaus bin, sollen die mir jetzt alles an Schmerzmitteln reinknallen was da ist.“ Ganz ernst war das nicht gemeint (sie sagte mir hinterher, dass sie weder an PDA noch an Kaiserschnitt dachte, was ich zu dem Zeitpunkt schon fast als unvermeidlich befürchtete), aber beim Lachgas sagte sie doch jetzt gerne ja, weil sie auch einfach schon so zermürbt war. Ich reichte ihr also immer wieder die Maske, wenn sie danach verlangte, aber sie wollte dann auch nicht zu beduselt werden dadurch. Unsere Hebi schaute nun wieder nach dem Baby, und ermutigte meine Frau, jetzt wieder in erhöhter Seitenlage zu pressen. Und kein Mensch weiß warum, aber das Köpfchen trat jetzt endlich tiefer (es wurde hinterher gescherzt, der Kleine habe eben mal im Tatütata-Auto fahren wollen). Vielleicht war es einfach der Faktor Zeit, vielleicht das elende Geruckel während des Transportes, aber nun zeigte das Pressen Wirkung und das Baby schob sich millimeterweise nach unten. Meine Frau konnte es zunächst kaum glauben und sagte „K., verarscht ihr mich auch nicht? Kommt der jetzt wirklich?“ Und ich schaute immer wieder nach und bestätigte ihr zwischen Lachen und Weinen, dass ich seine Haare schon sehen konnte. K. rief dann für die letzten Minuten die Ärztin und einen jungen Assistenzarzt hinzu, die mich persönlich ein wenig nervten, aber meine Frau schaffte es ganz gut die auszublenden. Und so ging es Stückchen für Stückchen weiter (was für ein Anblick!), bis zunächst der Kopf geboren wurde, und der Kleine öffnete schon seine Augen um zu schauen. Wie es sein sollte, drehte der Kleine sich um die Schultern richtig einzustellen. Cleo sollte dann noch mal pressen, und dann nach einer Presswehenzeit von über 4 Stunden mit etwas Hilfe von der Hebamme flutschte der Rest endlich fast von alleine heraus.

Da lag dann plötzlich unser Babysohn wie ein kleines Alien! Meine Frau schaute ungläubig nach unten und sagte „Hallo! Oh, hallo Baby“! und bekam den Knirps auf die Brust gereicht. Und wir bestaunten diesen fremden kleinen Menschen, der nun zu uns gehören sollte und den wir gerade erst kennenlernten. Um 8:53 kam er mit einem Geburtsgewicht von genau 3500 gr, 54 cm und einem KU von 34,5 cm auf die Welt. Nach Auspulsieren der Nabelschnur habe ich diese dann durchschneiden dürfen. Meine Frau hatte einen ca 1 cm Dammriss ersten Grades, den sie während der Geburt nicht gemerkt hatte, aber der jetzt noch genäht werden musste.

Der Kleine war nach der Geburt direkt 3 Stunden lang wach, hat sich anlegen lassen und mit ganz aufmerksamen Augen seine Welt begutachtet. Es ging ihm aber auch während der ganzen Geburt super, die Herztöne waren immer im Soll – der war von dem Ganzen wohl ziemlich unbeeindruckt. 😊

Um 13 Uhr, also gut 4 Stunden nach der Geburt, wurden wir dann nach der U1 entlassen und fuhren erst mit dem Taxi zum GH, und von da mit unserem Auto nach Hause. Zum dritten Mal innerhalb eines Tages fuhr ich nun diese Strecke, aber nun mit Frau UND Kind auf dem Rücksitz und war hundemüde. So begann unser neues Leben als Familie. 💞

Schühchen

Die Schuhe, die Cleo vor über einem Jahr gehäkelt hat, passen wie angegossen

Kleines Nachwort: wir haben trotz der Verlegung per RTW noch eine ambulante Spontangeburt erleben können  – und vor allem eine durchgehende und herzliche Betreuung von unserer Hebamme K., für die wir unendlich dankbar sind. Nach diesem Erlebnis ist mein Respekt vor dem Berufsstand noch einmal deutlich gewachsen. Am nächsten Tag sind im selben Krankenhaus übrigens drei Babys ohne die Anwesenheit einer Hebamme zur Welt gekommen. Drei Frauen waren während der Endphase der Geburt sich selbst überlassen. Kaiserschnitte werden dort schon längst ohne Anwesenheit einer Hebamme durchgeführt – obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Andernorts werden die Kreißsäle vorübergehend oder langfristig geschlossen. Weil es einfach nicht genug Hebammen gibt und die Arbeitsbedingungen für sie oft miserabel sind. Ich finde das einfach furchtbar. Es ist höchste Zeit, dass sich daran etwas ändert und Gebärende ihre Kinder wieder in einer sicheren fürsorglichen Umgebung so wie sie es möchten zur Welt bringen können – mit einer kompetenten Hebammenbetreuung!

10 Gedanken zu “Geburtsbericht (Krankenhaus)

  1. Ein toller Bericht und auch wenn es wirklich schade ist, dass ihr nicht im GH bleiben konntet, um dort zu gebären, ist es doch die Hauptsache, dass alles gut gegangen ist und a beide wohlauf sind. Ihr ward wirklich sehr tapfer! Die Schuhe passen wirklich wie angegossen und sind total niedlich! Herzlich Willkommen, kleiner Mann! 🙋🍀

    Alles Liebe weiterhin für euch,
    Leni

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  2. Lustig, unser Baby wog auch exakt 3500g nach der Geburt 😊
    Danke für den Bericht, der bei uns viele Erinnerungen und Emotionen von der Geburt unserer Tochter im Januar geweckt hat. Für mich (die Gebärende) war das alles interessanterweise schneller (eigentlich direkt als es überstanden war) abgehakt als für meine Frau, die noch einige Zeit daran zu knabbern hatte, wie es mir unter der Geburt ging. Ist wohl hormonell bedingt, würde mich interessieren, ob das bei euch genauso ist.
    Wir hoffen es geht euch dreien gut und wünschen euch weiter eine schöne Zeit zum gegenseitig kennenlernen! 🙂

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    • Bei uns war es eigentlich umgekehrt. Cleo hat die ersten Tage nach der Geburt Probleme gehabt zu schlafen. Wenn sie zur Ruhe gekommen ist, hatte sie immer Bilder von der Geburt im Kopf. Aber nicht im traumatischen Sinne, sondern weil es einfach ein sehr intensives Erlebnis war. Wir haben uns noch mal euren Bericht durchgelesen und ich vermute, der Unterschied lag vielleicht darin, dass sich trotz der Umstände keine von uns zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich hilflos gefühlt hat. Wir hatten beide immer das Gefühl, etwas tun zu können oder müssen, eine „Aufgabe“ zu haben. Auch da war unsere Hebamme sehr hilfreich, indem sie mich z. B bat, im RTW meine Frau immer ans Veratmen zu erinnern. Mir hat außerdem das Niederschreiben sehr geholfen das Erlebte zu verarbeiten!

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      • Meine Frau und ich haben zwei Kinder – wir haben uns beim Austragen abgewechselt. Wir beide finden, dass es viel schlimmer ist, Begleitperson zu sein, als selbst zu entbinden. Als Gebärende darf man sich gehen lassen, ggf. das Krankenhauspersonal anschnauzen, verzweifelt weinen; während man als Begleitperson immer stark sein muss, seine Hilflosigkeit nicht zeigen darf und auch noch nett zu den verbiesterten Krankenhausleuten sein muss (sonst schmeißen sie einen raus – man ist ja schließlich nicht der Kindsvater) usw. Erschwerend dazu kommt, dass bei der Geburt unserer Tochter (unser erstes Kind) Frau und Kind fast gestorben sind und das ist mit klarem Kopf schlimmer zu erleben als im Dämmerzustand.

        Achso: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!! 🙂

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  3. Auch von mir herzlichen Glückwunsch und alles Gute für euch drei.
    Und herzlichen Dank für diesen schönen Blog!

    Eine kritische Anmerkung zu einem anderen Kommentar: Warum wird ein frisch geborener männlicher Säugling als ‚kleiner Mann‘ bezeichnet? Ich finde das total schräg. Umgekehrt habe ich noch nie ‚kleine Frau‘ gehört oder gelesen. Und das ist auch gut so, meiner Meinung nach. Es sind Säuglinge, Babys oder Kleinkinder! Ehrlich, ich verstehe das überhaupt nicht.

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    • Danke für die Glückwünsche 🙂
      Zu einem Mädchen würde man eher „junge Frau“ sagen oder „junge Dame“. Das ist ja im Alltagssprachgebrauch durchaus üblich und mir ist selber schon passiert, dass ich den Sohn so angesprochen habe. Natürlich hat die Sprache einen immensen Einfluss auf unser Denken, und so kann man sicher darüber nachdenken, ob die gängige Bezeichnung „junger Mann“ etwas damit zu tun hat, ob irgendwelche Männlichkeits-Ewartungen bereits an einen kleinen Jungen geknüpft sind. Aus den ersten Begegnungen mit andren, v.a. Großeltern, würde ich sagen, die Erwartungen und Zuschreibungen sind schon vorhanden und teilweise erschreckend. Andererseits, wenn z.B ein Eisverkäufer einen Drejährigen fragt „Was darf es denn sein, junger Mann?“ empfinde ich das eher als respektvoll, also ein Ernstnehmen des Kindes.
      Und in meinen Ohren klänge „willkommen, Säugling “ doch wesentlich schräger als „willkommen, kleiner Mann.“😉

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  4. Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Eures Sohnes! Ich freue mich, dass es am Ende alles gut gegangen ist. Aufregend ist das ja immer. Fast jedenfalls. Alles Gute! Wie geht es jetzt so? Stressig? Einfach? Schön? Schön schrecklich? Schrecklich schön? Viele liebe Grüße, die Tina – jetzt wieder online. Versprochen 😉

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