Endlich! đŸłïžâ€đŸŒˆEhe fĂŒr alleđŸłïžâ€đŸŒˆ- …und die Wehrmutstropfen

Meine Frau bestand darauf, dass wir heute morgen frĂŒhzeitig wach waren, um die Abstimmung im Bundestag zu verfolgen. Die letzten Tage waren wir beide sehr unterschiedlich gestimmt: wĂ€hrend Cleo jeden Artikel, jede TV-Debatte ĂŒber die plötzlich greifbar nah erscheinende „Ehe fĂŒr alle“ verfolgte, wollte ich am liebsten gar nichts davon wissen. Nachdem das Thema jahrelang verschleppt wurde, nachdem die GrĂŒnen noch kĂŒrzlich mit ihrem Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht vor die Wand liefen – nee, ich wollte mich nicht emotional darauf einlassen (wĂ€hrend Cleo schon vor Aufregung FreudentrĂ€nen vergoss). Zu viel Angst vor der nĂ€chsten EnttĂ€uschung.

Und ich wollte mir dieses Herumgelaber und die Schein-Argumente (es war schon immer so, und deswegen muss es so bleiben) von Personen wie Volker Kauder oder Hedwig von Beverfoerde einfach nicht mehr reinziehen. Davon habe ich nĂ€mlich echt genug. Und trotzdem bekam ich natĂŒrlich zwangslĂ€ufig einiges mit in dieser Woche. Mich packt da die kalte Wut, wenn Menschen, die es persönlich nicht betrifft, einfach behaupten, es gĂ€be doch gar keine rechtliche Diskriminierung mehr. Haben das eigentlich auch die weißen SĂŒdstaaten-Amerikaner* gesagt, als die schwarzen BĂŒrgerrechtler* sich dagegen verwehrten, in Bussen nur auf den ihn zugeweisenen PlĂ€tzen sitzen zu dĂŒrfen? „Was wollt ihr denn, ihr dĂŒrft doch Busfahren… das ist ĂŒberhaupt keine Diskriminierung!“ Ja genau. Und diejenigen, die diskriminieren sind ja auch von Natur aus dafĂŒr am besten geeignet, dies zu beurteilen, nicht wahr?

Die Tatsache, dass schon tausende Kinder in Regenbogenfamilien leben – Pflegekinder, Kinder aus Vorbeziehungen und in die Partnerschaft hineingeborene Kinder – und diese ebenfalls durch des bisherigen Status Quo benachteiligt werden, kam mir in der ganzen Diskussion viel zu kurz. Es ist scheinheilig, mit dem Kindeswohl zu argumentieren, und den vielen Kindern aus Regenbogenfamilien die Rechte und die gesellschaftliche Anerkennung vorzuenthalten, die ihnen genau so zustehen mĂŒssten wie anderen. Ein Lichtblick war hier Rafael Zinsers Auftritt bei Maybritt Illner (ab 41:40) der als Pflegekind zweier VĂ€ter groß wurde und mit seinen gerade mal 16 Jahren einen ganz beeindruckenden Auftritt hingelegt hat.

Nun ja, die Mauer ist gefallen und die Ehe wird damit auch fĂŒr meine Frau und mich möglich sein. DarĂŒber freuen wir uns sehr! Wir werden unsere LebensparterschaftnatĂŒrlich in eine Ehe umschreiben lassen! Unser Kind darf in einer Gesellschaft aufwachsen, die seinen MĂŒttern die rechtliche Gleichstellung ermöglicht.

Aber eine EinschrĂ€nkung, einen sehr bitteren Wehrmutstropfen gibt es fĂŒr uns dennoch: die formlose Anerkennung der Elternschaft durch die zweite Mutter ist immer noch nicht möglich. Wir werden – jedenfalls nach jetzigem Stand – TROTZDEM die MĂŒhen, Kosten , UnwĂ€gbarkeiten und Nerven einer Stiefkindadoption auf uns nehmen mĂŒssen. Unser Kind wird TROTZDEM nicht von Geburt an zwei Elternteile haben. Deswegen muss ich leider sagen, der Kampf um Gleichstellung ist noch nicht zu Ende.

Aber das ist er ohnehin nicht. Es irritiert mich, dass sowohl Vertreter*innen der konservativen wie auch der liberalen Politik nicht mĂŒde wurden zu betonen, dass gleichgeschlechtliche Paare gesellschaftlich doch „lĂ€ngst völlig selbstverstĂ€ndlich und akzeptiert“ sind. Denn sorry, nein, das ist SchönfĂ€rberei. Wer wissen will, wie die Gesellschaft wirklich ĂŒber Schwule und Lesben denkt, soll sich gerne mal die Studie der Antidiskriminierungsstelle anschauen, auf die ich neulich bereits hingewiesen habe. Wir haben schon unheimlich viel erreicht, ja. Und das ist toll! Aber von völliger Akzeptanz (auch von Schwulen und Lesben, die eben nicht dem bĂŒrgerlichen Familienideal entsprechen, oder auch von Trans* und Intersexuellen) sind wir noch deutlich entfernt. Doch ich hoffe, zur Entwicklung von Akzeptanz wird auch die Ehe fĂŒr alle beitragen – das Bewusstsein der Menschen bildet die Politik und die Rechtslage – aber umgekehrt beeinflusst auch die Rechtslage das Bewusstsein, und ich bin zuversichtlich, dass dies geschehen wird.

Ich möchte an dieser Stelle eines noch loswerden: wie unendlich dankbar ich dafĂŒr bin, dass es so viele mutige und hartnĂ€ckige Menschen gibt, die sich seit vielen Jahren und Jahrzehnten fĂŒr die Rechte von gleichgeschlechtlichen Paaren engagieren. Ohne Vorreiter wie Volker Beck, dem LSVD, zahlreichen ehrenamtlichen Aktivistinnen, Bloggern usw. usf. wĂ€re ich nicht Nutznießerin des heutigen gesellschaftlichen Wandels. Vielen, vielen Dank! Ich bin froh, dass es Menschen wie euch gibt!

Danke!

 

 

11 Gedanken zu “Endlich! đŸłïžâ€đŸŒˆEhe fĂŒr alleđŸłïžâ€đŸŒˆ- …und die Wehrmutstropfen

  1. Ach, ich kann dein gefĂŒhlsmĂ€ĂŸiges Auf und Ab ein bisschen nachempfinden, glaube ich – mir ging es heute auch so (hab lustigerweise auch parallel einen in Teilen gar nicht so unĂ€hnlichen Post geschrieben ;)) – die Wut auf die Politiker*innen und diese ganzen Menschen, die die Diskriminierung kleinreden wollen obwohl (naja, weil) sie nicht von ihr betroffen sind.
    Und auf das Thema Stiefkindadoption bin ich dann heute nachmittag auch gestoßen. Es ist so unsĂ€glich und scheinheilig! Aber das Gesetz kriegen wir auch noch klein!

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  2. Vielen Dank fĂŒr den schönen Artikel, der uns voll aus der Seele spricht. Da wir wohl nicht dazu kommen selbst einen Artikel zu diesem Thema zu schreiben, schließen wir uns doch einfach dem Dank an alle, die das erkĂ€mpft haben, hier an! 🙂

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  3. Hallo 🙂
    Ich hab einmal eine kurze Nachfrage! Wo habt ihr eure Infos bezĂŒglich der Stiefkondadoption her? Im Gesetzesentwurf war ja nichts dergleichen vermerkt? Wir hatten uns gestern so sehr darĂŒber gefreut, dass genau diese absolut diskriminierende und herabwĂŒrdigende HĂŒrde nun endlich fĂ€llt…

    liebe GrĂŒĂŸe
    Noelana

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    • Ok, bin gerade selbst darauf gestoßen.
      Das ist wieder ein allzu deutliches Zeichen, dass dieser eine kleine Satz nicht im BGB erweitert wurde… Tja, wir doofen Homos sollen dann wohl eben doch nicht die gleichen Rechte haben. Ich bin stinkwĂŒtend…

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      • Eine Userin im Elternforum hat auf die Ratgeberseiten des LSVD verwiesen, da hast du es wahrscheinlich auch gefunden?
        Na ja, ich finde wir sollten den Schritt schon wĂŒrdigen als das was er ist. Wenn das schon viele andere nicht tun. Es IST ein wichtiger und großartiger Fortschritt, auch wenn er durch BegleitumstĂ€nde getrĂŒbt erscheint.
        Einen wirklich ganz wundervollen Artikel hat der zaunfink ĂŒber die Eheöffnung geschrieben.
        https://derzaunfink.wordpress.com/2017/07/03/im-land-des-ewigen-ja-aber/

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  4. Dann erheben wir Einspruch dagegen! 2012 waren meine Lebenspartnerin und ich (ich darf sie bald Ehefrau nennen!) eins der Paare, die die Steuerklassengleichstellung gerichtlich durchgesetzt haben. 2013 wurde diese dann der Ehe gleichgestellt, um BĂŒrokratie abzubauen, da jedes Gerichtsverfahren zugunsten der klagenden Paare entschieden wurde.
    Das verspreche ich mir hiervon auch. Entweder muss jeder Ehemann per Vaterschaft beweisen, dass er der Vater ist – wenn nicht, muss er adoptieren – UND unverheiratete MĂ€nner dĂŒrfen nicht mehr vor der Geburt die Vaterschaft annehmen; ODER man kippt die Forderung der Stiefkindadoption.

    DafĂŒr muss natĂŒrlich mindestens ein Paar bereit sein, den Rechtsweg zu wĂ€hlen. Bis dahin darf die Stiefkindadoption nicht durchgefĂŒhrt werden, das Kind sollte notariell abgesichert werden. Das Paar muss also bereit sein, auf die Rechtssicherheit zu verzichten, was natĂŒrlich heikel ist. Aber nur so könnte diese Ungerechtigkeit umgangen werden. Wir wollen demnĂ€chst Nr. 3 ansetzen und diesen Weg einschlagen. Ich genieße den Luxus, auch fĂŒr Stiefkinder bereits einen Familienzuschlag zu kassieren und nach zwei Kindern (ein stiefkindadoptiertes und ein leibliches) wird es im Todesfall der Bauch-Mutter schwer sein, dagegen zu argumentieren, dass die Co-Mutter das Kind behalten kann. Bei einer Trennung ist das natĂŒrlich schwieriger, aber da habe ich einfach Vertrauen in uns selbst.

    Der LSVD schreibt: „Das Abstammungsrecht soll in der nĂ€chsten Legislaturperiode umfassend an die neuen Familienformen und die neuen medizin-technischen Zeugungsmöglichkeiten angepasst werden“, verzichtet aber auf einen Beleg fĂŒr diese Zuversicht. Mal sehen.

    (Siehe Punkt 4: http://www.lsvd.de/recht/ratgeber/ehe-fuer-alle.html)

    GefÀllt 2 Personen

    • Ich denke auch, dass man das dann eigentlich einklagen mĂŒssen könnte oder? Gleiches Recht heißt gleiches Recht!
      Falls ihr wirklich vor Gericht zieht und es finanzielle EngpĂ€sse deshalb geben sollte könnt ihr ja eine Crowdfunding Seite erstellen, ich kenne sehr viele die bereit wĂ€ren was zu geben, es geht ja schließlich auch um unsere Zukunft!
      Danke euch fĂŒr euren Einsatz! Ich bin erst 21 und habe noch nicht die passende Partnerin fĂŒr die FamiliengrĂŒndung gefunden, aber wenn ich von solchen Vorbildern lese verliere ich jegliche Zweifel daran dass eine Familie fĂŒr mich auch möglich ist – Danke!!!

      GefÀllt 1 Person

      • Bitte! Wir versuchen uns gerade zu vernetzen, um erstens unnötige Kosten und zweitens unnötige Schritte zu vermeiden (und damit Zeit zu verlieren). Kontakt zum LSVD (bei dem wir Mitglied sind) haben wir hergestellt, allerdings ist ja gerade Wochenende.
        Ich weiß noch, dass es dem Richter, der ĂŒber unsere Stiefkindadoptionen entschied, selbst zu blöd war, ĂŒber unser Privatleben zu entscheiden („Was mache ich hier eigentlich? Es ist unnötig und beschĂ€mend!“) und „sein“ Gericht ist es auch, das in erster Instanz ĂŒber dieses Thema zu entscheiden hĂ€tte. Auf der anderen Seite verlangt es als einziges Gericht dieses Landes DREI Gutachten (statt zwei) zur PersonenstandsĂ€nderung von Transmenschen. Mal sehen, erst einmal mit Nr. 3 schwanger werden. 😉

        GefÀllt 3 Personen

  5. Es gibt einen Hoffnungsschimmer fĂŒr den Quatsch mit der Stiefkindadoption des eigenen Kindes: Der Arbeitskreis fĂŒr eine Reform des Abstammungsrechts (Das heißt wirklich so sperrig) hat empfohlen, dass neben der gebĂ€renden Frau auch eine weitere Frau als Elternteil von Geburt an eingetragen werden soll. Siehe hier die Langversion:
    http://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Artikel/07042017_AK_Abstimmung_Abschlussbericht.html
    Kurzversion kann ergoogelt werden…
    Schade nur, dass das nach dem Beschluss zur Homo-Ehe kam und bis zu einer Umsetzung noch mindestens eine Wahl und eine neue (alte?) Koalition gebildet wird. Viele „GrĂŒnde“ um die Empfehlungen erstmal auf Eis zu legen und nichts zu tun….

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