Geburts-Panoptikum

„Ach, schöööön, im August Geburstag zu feiern!“ sagen alle, die erfahren, dass der voraussichtliche Entbindungstermin im Hochsommer liegen wird. Ja, das ist schön! Aber der eigentliche Geburts-Tag, also der wo der Bub auf die Welt kommen soll, ist zeitlich alles andere als optimal. Denn die Geburtshäuser in unserer Gegend nehmen für die Ferienzeit eben niemanden an. Eine Hebamme für eine Hausgeburt zu bekommen, vor allem da wir noch in eine andere Stadt ziehen werden, ist so gut wie unmöglich, und unser neues Heim, das wir versuchen schon im Sommer zu beziehen, wird bis dahin eben noch keine super-kuschliges Nest sein, in dem man sich zu Hause fühlt, sondern eher eine bedingt bewohnbare Halb-Baustelle. Eine unbegleitete Geburt trauen wir uns auch nicht zu. Meine Frau hasst widerum Krankenhäuser. Was bleibt uns also übrig?

Es gibt in erreichbarer Weite eine offenbar ganz gute anthroposophisch ausgerichtete Klinik, die auch eine Geburststation hat. bzw. sogar einen Hebammenkreißsaal, was bedeutet dass die Geburt nicht ärztlich begleitet wird, es sei denn es treten größere Komplikationen auf. Wir waren neulich zu einem Infotermin, der dort etwa alle zwei Wochen angeboten wird, damit man sich von der Klinik und dem Angebot ein Bild machen kann. Ich rechnete damit, dass es vielleicht so 8-12 Paare wären, die dort sind.

Dabei hatten sich im Speisesaal dort sage und schreibe über hundert Menschen eingefunden. 😳 Cleo wollte am liebsten wieder rückwärts rausgehen. Es folgte eine etwas schnulzige Powerpoint-Präsentation mit Bildern und Liedern von Reinhard Mey (jahaa okay, wir mussten uns die Tränchen weg-sarkasmusieren😢) und Infos von der Oberärztin, der leitenden Hebamme und einer Krankenschwester. Anschließend stiefelte man in großen Gruppen auf die Station bzw. in die freien Kreißsäle. Es waren außer uns übrigens mindestens noch zwei weitere Frauenpaare da. Also mit uns immerhin 6% nicht Mama/Papa-Paare!

Die drei größeren Kreißssäle waren echt ganz annehmbar, finde ich. Nett gemacht. Es gibt auch jeweils eine große Wanne, Geburtshocker, Bälle, usw. die zwei kleineren Säle sind aber wirklich eher bedrückend eng und verfügen auch nicht über eine Wanne. Da kann man auch Pech haben, wenn die großen Säle besetzt sind. Ist ja irgendwie doof, wenn es so große Unterschiede gibt.

Grundsätzlich gefällt mir das Konzept der Klinik schon ganz gut. Sie beachten dort viele Dinge, die für eine natürliche und selbstbestimmte Geburt wichtig sind, es ist beispielsweise Standard, die Nabelschnur auspulsieren zu lassen, oder nach Geburt eine Bondingphase auf der Brust der gebärenden Mama ohne sofortige Untersuchung des Kindes zu ermöglichen. Das Neugeborene ist auch die ganze Zeit bei einem, es gibt wenn möglich, Familienzimmer, und man wird besonders beim Stillen unterstützt.

Aber. Es ist ein großes Krankenhaus. Ein Krankenhaus mit Stockwerken und Linoleum-Boden. Hunderte, vielleicht tausende Menschen sind dort. Es ist schon irgendwie eine Massenabfertigung. Und das gefällt meiner Frau einfach nicht so. Oder besser gesagt: schreckt sie total ab.

In der letzten Zeit haben wir uns dem Thema Geburt schon versucht, etwas anzunähern. Ich bin wie immer eher diejenige, die sich Bücher bestellt oder Artikel liest. Cleo ist prinzipiell nicht so die Person, die sich im Vorfeld großartig theoretisch mit etwas auseinander setzt, sie läßt lieber alles auf sich zukommen. In diesem Fall tastet sie sich aber auch langsam an das Thema heran.

Alles, was wir nun aber im Bereich Aufklärung/Hypnobirthing/selbstbestimmte Geburt lesen, schreckt meine Frau aktuell eher ab oder ängstigt. Sie sagt: „je mehr ich darüber höre und lese, desto mehr will ich nicht in eine Klinik gehen. Ich fühle mich da nicht sicher. Und je mehr ich darüber erfahre, desto klarer wird auch, dass ich alles so nicht kriegen kann, wie ich will. Diese ganzen Menschen und Apparate. Das verunsichert mich gerade noch mehr.“

Das versteh ich auch. So nett ein Konzept z.B. von Hypnobirthing ist -in klinischen Situationen ist das nur bedingt anwendbar.

Fazit: Wir lesen zwar immer mehr Zeug darüber, unter welchen Bedingungen Geburt gut wäre, aber immer mit dem Gedanken „so geht’s aber für uns nicht“. Und das ist echt Mist!!!

Das schwächt und verunsichert gerade mehr, als dass es hilft. Ich hatte vorgeschlagen, uns das Buch „Alleingeburt“ zur Vorbereitung zu kaufen (was uns hier im Blog mal empfohlen wurde), was einerseits gut wäre – andererseits sagt Cleo „ich weiß nicht, ob ich noch mehr darüber lesen will, was alles gut wäre – und ich nicht machen kann.“ Schon allein das CTG, was meine Frau überhaupt nicht möchte – in der Klinik ist es für die Schlussphase Standard und Pflicht.

Alles blöd – die „Traumgeburt“ scheint es für uns nicht geben zu können…

Drei Wochen später:

Eine unerwartete Wendung hat sich ergeben, nachdem ich den obigen Post im Prinzip schon fertig geschrieben hatte. Meine Frau bat mich, bevor wir uns in der Klinik zum Hebammen-Vorgespräch anmelden, doch wenigstens noch einmal in dem letzten Geburtshaus der Gegend anzurufen, in dem wir noch nicht nachgefragt hatten (da auch recht weit weg, im Berufsverkehr eine Stunde zu fahren). Um damit abzuschließen.

Und überraschenderweise hieß es „Ja, wir können da noch Geburten annehmen.“ Damit hatten wir nun so gar nicht gerechnet. Wir sind also vor unserem Urlaub noch zu einer Besichtigung gefahren. Leider war an dem Morgen keine Hebamme vor Ort, nur eine Verwaltungskraft, die uns aber alles zeigen und organisatorische Fragen beantworten konnte.

Cleo war ganz angetan von den Räumlichkeiten und der Option, außerklinisch zu gebären. Zwei Tage später sind wir in den Urlaub geflogen, und ich rief noch vom Flughafen aus an, um verbindlich dort zuzusagen. Wir werden also, wenn alles gut geht, nun doch ins Geburtshaus gehen können. Morgen ist unser erster Termin mit einer der Hebammen dort – die, bei der wir nun auch den Geburtsvorbereitungskurs Anfang Juni machen werden. Nun stürzen wir uns auch mit einem anderen Gefühl in die Geburtsliteratur, die wir uns mittlerweile zugelegt haben. Und ich bin übrigens echt stolz auf meine Frau, dass sie sich die Geburt in diesem Setting zutraut.

Und plötzlich blickst du ins Gesicht deines Kindes…

Nach dem Urlaub waren wir dann in der 24. Schwangerschaftswoche in einer Pränataldiagnostik-Praxis, da wir gerne den Fehlbildungsultraschall machen lassen wollten und auch neugierig waren, wie sich unser Trödelchen nun so entwickelt hat. Die Ärztin dort hatte ein tolles Ultraschallgerät mit einem großen Bildschirm zum gucken. Unser Junge hat sich wieder viel bewegt, und trotzdem konnten wir alle wichtigen Organe in Ruhe anschauen. Das Gehirn hatte gerade mit der Gyrisierung (Auffaltung) begonnen. Das Corpus Callosum war gut zu sehen, und wir konnten beobachten wie das Baby Fruchtwasser schluckt, wie sich die Zunge dabei bewegt. Es war faszinierend das kleine Herzchen im Detail bei seiner Arbeit zu sehen, alle wichtigen Gefäße und den Blutfluss. Es ist alles so wie es sein soll, keine einzige besorgniserregende Abweichung. Dann machte die Ärztin noch 3D Bilder, und plötzlich sahen wir das Gesicht unseres Kindes über,lebensgroß vor uns. Diese Bilder haben wir später natürlich immer und immer wieder betrachtet. Es ist so unglaublich, dass da wirklich ein Mensch drin ist. Denn so sieht er aus, wie ein kleiner (niedlicher) Mensch. Mit einem Gesicht. Einem richtigen Gesicht!

Der Bub war zu dem Zeitpunkt ca. 31 cm groß und 670 gr schwer. Das ist natürlich jetzt schon längst überholt. Schon verrückt, wenn man darüber nachdenkt, dass das Kind nun schon gute Überlebenschancen hätte, wenn es jetzt schon (wofür es aber keinerlei Anzeichen gibt), auf die Welt geholt werden müsste.

So geht’s der Schwangeren

Cleo geht es, seitdem der fiese grippale Infekt überwunden ist, recht gut. Der Rücken macht immer mal wieder Probleme, und es fällt ihr schwer, dass sie bei der Modernisierung unseres Hauses nicht alles selbst machen kann, obwohl sie gerne würde. Mittlerweile hat sie 11 kg zugenommen, wobei sie immer noch (meiner Meinung nach) schlank aussieht. Sie fühlt sich damit wider eigenem Erwarten richtig wohl. Heute sagte sie: „Ich fühl mich wohl mit mehr Gewicht – ich bin endlich in mich reingewachsen.“

 

 

6 Gedanken zu “Geburts-Panoptikum

  1. Wird die Geburtshaushebamme auch die Vorsorge übernehmen? Z.B. im Wechsel mit der/dem Gyn oder eben nur die Hebamme? Ihr habt echte Chancen zu denen zu gehören, die den Luxus einer 1:1 Betreuung, also Betreuung vor, während und nach der Geburt, durch EINE euch bekannte Hebamme, bekommen könnt. Macht euch nicht verrückt. Cleo fühlt durch das Kind, ob alles ok ist oder nicht. Alle Instinkte sind scharf gestellt und werden euch leiten, viel besser, als das Bücher können. 😉 Alles Gute wünsche ich Euch.

    Gefällt 2 Personen

    • Wir werden die Vorsorge nun nur noch im Geburtshaus machen (bis auf den 3. US, der auch Voraussetzung für die dortige Entbindung ist). Leider gibt es keine 1.1 Betreuung in dem Sinne – es ist ein Hebammenteam von 5 Frauen, die wir aber alle im Laufe der nächsten Wochen kennenlernen werden.Die Geburt begleitet dann aber durchgängig diejenige, die eben zum Zeitpunkt der eigentlichen Geburt gerade Dienst hat. Sie begleitet dann auch in die Klinik als Beleghebamme, falls es vor oder während der Geburt sich doch als nötig erweist das Setting zu wechseln. Eine BEL ist beispielsweise Kontraindikation für die Geburtshausgeburt, aber man kann dann halt glücklicherweise mit seiner Beleghebamme ins KH. Da ist meine Frau total froh drüber, dass es dann eben eine Person ist, die die Geburt begleitet und keine 3 Schichtwechsel erfolgen wo dauernd jemand Neues kommt. Die Nachsorge wird davon abhängen, ob wir es mit dem Umzug vorher oder nachher schaffen… das steht noch nicht fest.

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  2. Im Kopf formulierte ich schon ermutigende Worte, dass man tatsächlich auch in einem Krankenhaus eine tolle Geburt erleben kann, da las ich von der glücklichen Wendung. Wunderbar, dass ihr noch ein Geburtshaus gefunden habt!! Und total cool finde ich, dass die Hebammen auch eine Klinikgeburt begleiten, wenn nötig. Das ist in Düsseldorf leider nicht so.
    Ich hab auch erst nach lesen des Artikels gesehen, dass er schon knapp über ein Jahr alt ist. Im April 2017 war ich ca in der 20sten und hab unsere Hebamme kennengelernt. Meinen Geburtsbericht findest du unter „Unsere Traumgeburt im Geburtshaus“ auf herzohr.wordpress.com. Falls es dich überhaupt interessiert. Ich bin jedenfalls ganz aufgeregt gerade, weil unsere Kinder ca gleichalt sind und ich suche jetzt direkt mal was du über deine Geburtserfahrung geschrieben hast (ein Herzensthema meines Blogs: Nicht-gebärende Mütter und Väter bei der Geburt).
    Alles Liebe,
    Claudia

    Gefällt 1 Person

    • Dann hast du sicher gelesen, dass die Geburt am Ende doch ins Krankenhaus verlagert werden musste. Meine Frau würde sich aber wieder für diesen Weg entscheiden und nicht von vornherein in Krankenhaus gehen. Das wichtigste war tatsächlich dass die Hebamme uns durchgängig begleitet hat, auch nach der Verlegung.

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      • Ja, ich hab eure Geschichte inzwischen gelesen und schäme mich etwas hier voreilig von unserer Traumgeburt gesprochen zu haben. Ich bin noch nicht dazu gekommen in Ruhe ein paar Worte zu eurem Erlebnis zu schreiben.
        Es ist ja trotz Verlegung alles gut gegangen und ihr ward bei eurer Hebamme in guten Händen! Das ist das Wichtigste.

        Gefällt 1 Person

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