Heidenfreude

Anfang des Jahres sind wir aus der Kirche ausgetreten. Das hatten wir uns schon lange überlegt, aber doch immer wieder verschoben oder in Frage gestellt. Vor allem meine Frau, die in ihrer Jugendzeit sehr aktiv in der katholischen Gemeinde war, als Meßdienerin, Jugendgruppenleiterin tat sich schwer mit dem Schritt. Nicht weil sie mit inneren Glaubenskonflikten zu kämpfen hatte, sondern weil sie damit einen sehr wichtigen Teil ihrer Vergangenheit abhakte, die letzte Leine dazu löste. Und weil sie eigentlich eine tiefe Sehnsucht danach hat, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.

Aber auch weil kirchliche Träger für uns als potentielle Arbeitgeber in Frage kommen, haben wir gezögert – letztlich aber gesagt: was bringt das, wir wollen ja nirgendwo arbeiten, wo wir vielleicht unsere Verbindung verstecken müssen. Was sowieso nicht mehr geht, da der Begriff „verpartnert“ als Familienstand eine*n ganz klar vor aller Welt outet.

Die Gretchenfrage

Unabhängig davon, ob und welcher Kirche man angehört, beantwortet jede*r die Frage nach dem Glauben und der Spiritualität anders. Für mich ist Glaube unabhängig von meinen (humanistisch orientierten) Werten. Leider habe ich meinen Glauben so ziemlich komplett eingebüßt. Leider deshalb, weil Glaube auch so positive Seiten hat! Ich vermisse manchmal das „Sich in der Welt aufgehoben fühlen“, das ich früher durchaus mal spürte. Heute würde ich mich als Atheistin mit einem Funken agnostischen Zweifelns und Hoffens im Herzen bezeichnen. Für meine Frau gilt Ähnliches.

Rituale

Aus der Kirche auszutreten ist übrigens ausgesprochen unspektakulär. Wir waren fast ein wenig enttäuscht, wie unfeierlich dieser Schritt war. Amtsgericht, Nummer ziehen, unterschreiben – fertig. Auch ohne religiösen Bezug haben Menschen doch ein tiefes Bedürfnis nach Ritualen, Feiern, Traditionen.

Daher haben wir auch beschlossen, uns den Tannenbaum zu Weihnachten nicht nehmen zu lassen. Das ursprüngliche Ritual der Wintersonnenwende bzw. Saturnalien wurde angeblich ohnehin von den Christen übernommen, um der Feier von Jesu Geburt einen von Heiden akzeptierten Rahmen zu geben. Und dass die Tage heller werden, feiere ich sehr gerne! Die Bedeutung, die Weihnachten heute gegeben wird, das Fest der Liebe und des Friedens zu sein – auch das kann ich als Atheistin mit vollem Herzen mitfeiern.

miss-emm-unter-dem-weihnachtsbaum

Es wird eine spannende Aufgabe, für unser Kind einen Weg zu finden, wie wir christlich gepägte Feste gestalten, wie wir auch ohne Taufe, Konfirmation oder christliches Osterfest Übergänge und Entwicklungen feiern. Denn zu feiern gibt es auch als „Heiden“ jede Menge Gutes!

tannenbaum

In diesem Sinne: frohe Wintersonnenwende und Liebe und Frieden allen Menschen!

4 Gedanken zu “Heidenfreude

  1. Ich bin selbst nicht getauft und würde von mir behaupten, ziemliche Atheistin zu sein. Meine Eltern waren beide katholisch und sind schon vor der Geburt ihrer Kinder aus der Kirche ausgetreten. Wir haben zu Hause trotzdem Ostern und Weihnachten gefeiert und mein Vater hat uns auch sehr viel erklärt, welchen christlichen Hintergrund die Feste haben. In der Kirche waren wir aber nie, ich war selbst in meinem Leben so ca. fünfmal in der Kirche (zu Konfirmationen oder Hochzeiten). In der Schule hatte ich anfangs Religionsunterricht (durfte ich mir aussuchen, welchen) und später gab es dann „Werte und Normen“ als Ersatz. Wir werden es auch mit unserer Tochter nun so ähnlich machen, da meine Frau auch aus der Kirche ausgetreten ist (schon mit 20). Wir erziehen also praktisch atheistisch mit Nähe zu christlichen Werten oder so ähnlich 😉

    Ich hoffe, ihr hattet schöne Weihnachte und wünsche euch einen guten Rutsch in das für euch so aufregende Jahr 2017!!

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    • Meine Eltern waren bzw. sind offiziell beide evangelisch, mein Vater sogar ursprünglich mit einem baptistischen Hintergrund. Beide sind aber nie regelmäßige Kirchgänger gewesen, man ging halt zu Weihnachten und fertig. Der Familienzweig meines Vaters ist allerdings teilweise doch noch ziemlich religiös geprägt, heute evangelisch-freikirchlich. Ich glaube, das hat meinen Eltern vor einigen Jahren ganz schön zu schaffen gemacht in Bezug auf mein Coming-Out. Im Endeffekt haben aber fast alle meine Verwandten unerwartet positiv reagiert und waren meiner Frau gegenüber sehr offen (es ist aber auch echt schwer, sie nicht zu mögen 😉).
      Wie ihr das mit der Kleinen macht, klingt echt gut.
      Auch euch dreien einen guten Start ins neue Jahr!

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  2. Ungefähr so wie bei den Regenbogeneltern ist es bei mir auch. Nur, dass unsere Kinder getauft sind, weil mein Mann sich das aus alter Verbundenheit mit der Kirche (Messdiener etc) gewünscht hat. Ich selbst bin so weit von der Kirche weg, dass mir das ein wenig egal war. Die Taufe fand ich aber trotzdem schön. Es war gut, danke sagen zu können für die Kinder. Wer oder was auch immer da sei. Oder auch nicht 😉

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    • Ich fühle mich seit dem Austritt noch weiter entfernt von Religion und Kirche als vorher, obwohl ich gar nicht erwartet hätte, dass das einen großen Unterschied machen wird. Tut es aber doch irgendwie.
      Taufen an sich finde ich auch schön, um die Geburt eines neuen Menschen zu feiern und willkommen zu sagen. Außerdem sind Paten ja eine schöne Sache…mal sehen, was wir uns da einfallen lassen.

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