„Hautnah“ oder: Kontrolle und Schuld, zwei Seiten einer Illusion

Letzten Donnerstag (6.10.16) lief im WDR eine Sendung aus der Hautnah-Reihe. Thema war dieses Mal „Sehnsucht Kind – Ein Paar gibt die Hoffnung nicht auf“. Trotz der späten Stunde hab ich durchgehalten und mir die ganze Sendung angeschaut. Ich kann nur sagen, Respekt vor dem Paar Torben und Janine, das sich einen Teil des Kinderwunschweges von Kameras hat begleiten lassen. Insbesondere Janine war sehr transparent mit ihren Gefühlen, z.B. auch negativen Gefühlen gegenüber Freundinnen mit Kind und daraus resultierenden Kontaktabbrüchen. Über die medizinischen Behandlungen wurde dabei nicht sooo viel berichtet, was ich auch etwas schade fand. Der Fokus lag vor allem auf den Gedanken der beiden, der Interaktion miteinander und mit der Familie und Freunden, auch die Gefühlszustände in den verschiedenen Phasen oder den unterschiedlichen Standpunkten zum Thema Adoption als Alternative. Sowie alles was eben noch drumherum passiert: Leben, Hausbau, Jobwechsel usw. Die Sendung endete offen: nach der 2. erfolglosen ICSI wurde die 3. immer weiter verschoben, und ob es irgendwann klappen wird, darüber bleibt auch der Zuschauer im Unklaren. Wie es der Erzählweise des Sendeformats entspricht, wurde kaum kommentiert, allenfalls eher berichtet oder Zeitsprünge inhaltlich überbrückt. Hautnah läßt die Geschichte in erster Linie sich selbst erzählen – das gefällt mir grundsätzlich immer ganz gut daran. Bei diesem Mal wär ich aber selber manchmal gerne die Stimme aus dem Off gewesen, um das ein oder andere nicht so unkommentiert stehen zu lassen.

In erster Linie meine ich damit den fast schmerzhaft optimistischen Parolen der Angehörigen. Wer in seinem schon länger dauernden Kinderwunsch mit Außenstehenden darüber kommuniziert, kennt wahrscheinlich die Klassiker „es wird bestimmt noch klappen, man muss halt Geduld haben“ oder „wenn man sich vom Kopf her frei macht, geht es plötzlich (hab ich/ hat xy auch genau so erlebt)“. Selbst der Arzt in der Sendung sagte „ich bin ganz optimistisch, dass es klappt.“ (Woher nimmt der den Optimismus? Statistik, ja…aber es gibt auch in der Statistik „Verlierer“)

Menschen, die nicht in der Situation einer KiWu-Behandlung stecken, fühlen sich meistens irgendwie hilflos mit dem Thema. Man kann es eigentlich nicht beeinflussen, man ist den Prozessen der Medizin, der embryonalen Entwicklung und den Gegebenheiten des Körpers ausgeliefert. Es liegt aber in der Natur des Menschen, Lösungen und Kontrollmöglichkeiten zu suchen bzw. anderen bei ihren Problemen was Praktikabeles anzubieten. Was soll also ein Außenstehender zu jemandem sagen, der in einem Prozess steckt, der so wenig Kontrollierbares enthält? Meistens kommen dann Ratschläge oder Ideen in die Richtung „das hier kannst du doch beeinflussen“ – und das ist für viele die gute alte Binsenweisheit „Schön entspannt bleiben, dann klappt es auch“. Unter Unkenntnis davon, dass Fruchtbarkeitsprobleme fast ausschließlich medizinische statt psychische Ursachen haben.

Aus einem Buch kenne ich ein Bild, das ganz gut dieses Paradoxon beschreibt das in dem vermeintlich schlauen „immer locker bleiben“-Ratschlag steckt, nur etwas anders: Stell dir vor, du sitzt auf einem Stuhl über einem Haifischbecken und bist an ein Gerät angeschlossen, das deine physiologischen Parameter wie Puls, Schwitzen usw. registriert. Deine Aufgabe ist ganz simpel: habe keine Angst. Denn wenn du Angst hast, wird das Gerät das erkennen und den Stuhl automatisch kippen und du wirst im Haifischbecken landen. Plumps. Könntest du entspannt bleiben? Ich könnte es nicht.

Gefühle sind nicht kontrollierbar, jedenfalls nicht so, durch Willenskraft. Schön wärs. Dann würden wir uns alle selber ganz viel gute Laune anknipsen. Deswegen ist das auch ein unmöglicher Ratschlag, einer Frau in Kinderwunschbehandlung zu sagen, dass sie einfach gelassen und zuversichtlich sein soll.

So sehr ich verstehen kann, warum Menschen solche Ratschläge geben, so sehr finde ich auch, dass das Entspannungsdiktat einfach nicht realistisch ist und im Gegenteil, sogar gar nicht hilfreich. Anspannung, Angst, bange Hoffnung, Sehnsucht, Unruhe, Stress und Frust sind in dieser Zeit eine ganz normale situationsangemessene menschliche Reaktion. Entspanntheit, fröhlich pfeifender Optimismus und die völlige Ignoranz von möglichen negativen Ausgängen sind es genaugenommen nicht. Denn schließlich geht es doch um etwas enorm Bedeutsames, das wirklich schwierig zu erreichen ist! Meistens verbunden mit bereits zahlreichen Mißerfolgserlebnissen, die in einer Phase begonnen haben, als man noch wesentlich entspannter war. Gleichzeitig bekommt die Frau, die schwanger werden will, aber Schuldgefühle, weil man nicht in der Lage ist sich selbst emotional auch noch so easy-peasy einzunorden, dass es dem „Projekt Baby“ auch angeblich zuträglich ist. Was der Subtext dann fies mit rein flüstert „Vielleicht bist DU ja selber schuld, weil du so negativ/ gestresst/ ängstlich/ angestrengt bist“. Und das ist einfach Bullshit! Vielleicht habe ich da leichter reden, weil ich es nicht um meinen Körper geht..

Ich glaube,  dass andere Menschen einem nur selten bei den Belastungen der Kinderwunschbehandlung geben können, was der Seele in der Zeit gut tun würde. Nämlich offen und ohne Beschwichtigung zu sagen:

Ja, es ist gerade wirklich schlimm für dich, für euch beide. Es fühlt sich bestimmt furchtbar an. Es ist schmerzhaft. Es strengt an. Es ist auch nicht wirklich vergleichbar mit anderen Problemen. Und man kann leider wirklich nur sehr wenig tun, außer weiterzumachen so lange wie man glaubt es schaffen zu können, und schauen, ob es am Ende vielleicht doch noch gut wird. Vielleicht klappt es dieses Mal, das nächste Mal oder das übernächste Mal, aber vielleicht auch nicht. Was immer auch kommt, ich bin bei euch und höre zu.

Aber so etwas sagen Menschen nicht gerne.

Statt dessen beschwichtigen und bagatellisieren sie und glauben, einem mit der Entspannungsnummer was Gutes zu tun. Und so gefährlich nah liegt dabei der Umkehrschluss: „wenn man das Kind so krampfhaft will, dann kann es ja nicht gehen.“ Frau muss sooo sehr aufpassen, sich diesen Schuh nicht anzuziehen. Auch nicht in eine übertriebene Schonhaltung verfällt oder auch denkt „oh, bestimmt war mein schlechter Schlaf/mein Streit mit meiner Schwester/mein Stress auf der Arbeit und mein Umgang damit schuld daran, dass es wieder nicht geklappt hat.“ Denn die Medaillenkehrseite von Kontrolle ist Schuld. Das was ich kontrollieren kann, das kann ich folgerichtig auch verbocken. Und schon wird die Last auf den Schultern noch 5 Tonnen schwerer. Und dann kommt man ins Straucheln und versucht das Ruder rumzureißen. Den Zauber-Kräuter-Tee trinken. Noch mehr Hormone schlucken. Yoga machen. Supergesundes Zeug fressen. Sich auf der Arbeit frei nehmen. Das ganze magische Denken auf Hochtouren bringen. (Und um Mißverständnissen vorzubeugen: wir ticken da genau so! Dass man ja nicht das Quentchen verpasst, was doch die Chance noch verbessern könnte. Und die 4 Störche auf unserem Kalender in diesem Monat sind bestimmt ein Zeichen, dass es jetzt klappt…man versucht einfach Halt zu finden, wo es geht)

Es ist einfach wahnsinnig schwer zu akzeptieren, dass man so wenig Einfluss auf den Ausgang hat. Das ist auch irgendwie nicht gut vereinbar mit den Botschaften, die man sonst vermittelt bekommt: „Wenn du dich nur genug anstrengst, kannst du alles schaffen. Du kannst alles werden, was du willst“. Ja. Nein. Höchstens fast alles. Und bei manchen Zielen kann man nicht viel mehr als demütig auf den Ausgang warten. Die Kröte muss man erst mal schlucken, sie schmeckt auch im Abgang nicht und versucht penetrant immer wieder den Hals hochzukriechen.

Ich kann nur dafür plädieren, sich selbst mit dieser Entspannungsache nicht zu instrumentalisieren. Nicht zwanghaft versuchen zu entspannen, damit es mit dem Baby endlich klappt. Und sich auch klar machen: Das psychische Befinden und Stress hat keinen nachgewiesenen Einfluss auf die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit. Das ist Stand der zusammengefassten Studienlage.  Aber wenn man auf die Bremse treten will, dann weil man selbst sagt „Ok, ist mir jetzt zu viel gerade. Ich brauche Pause. Jetzt noch ein Hibbelzyklus, das wächst mir über den Kopf“, dann sollte man das machen. Einfach für sich selbst.

Ich versuche jetzt, das ganze wie ein Glückspiel oder Mensch-Ärger-Dich-Nicht zu begreifen. Wir haben eine realistische Chance, im nächsten Wurf eine 1 oder 2 zu würfeln, um ins Zielfeld zu kommen. Die Chance auf eine der anderen Zahlen sind aber doppelt so hoch. Ich kann in den Würfel pusten, zu Mannitou beten oder mir Salz über die Schulter werfen, am Ende bleibt es eine Chance von 1:2. Und manchmal muss man leider ein paar mal häufiger würfeln, um die gewünschte Zahl zu bekommen. Manchmal wird man auch noch mal kurz vorm Ziel rausgeschmissen und muss die ganze verkackte Runde von vorne laufen…es ist wie es ist.


Morgen, am 13.10. läuft übrigens die Hautnah Sendung: „Anonym gezeugt – Suche nach dem fremden Vater“. Klingt spannend für alle, die mit dem Thema Samenspende zu tun haben. Die Sendung über das Kinderwunschthema kann man sich in der Mediathek übrigens auch noch anschauen.

Und auf Anregung meiner Frau, die immer sagt, ich soll nicht so lange Beiträge schreiben, gibt es hier auch die tl;dr Version:

Ihr lieben Hibblerinnen, bitte seid entspannt mit Eurer Unentspanntheit. Man kann eh nicht viel dran ändern, und irgendwie gehört es wohl zu dem ganzen dazu. Tut euch trotzdem was Gutes, ganz egoistisch, nur für euch. Ihr habt es mit Sicherheit verdient. 🍀 💕 🌹


Und das Update zum aktuellen Zyklus will ich auch noch anfügen: Gestern ZT10: Leitfollikel 11 mm, Schleimhaut 5,7 mm. Wenn bis Samstag (ZT14) der LH nicht ansteigt, sollen wir noch mal zum US kommen. Ich hab dagegen gewettet, dass wir vorm Transfer noch mal kommen müssen 😉

3 Gedanken zu “„Hautnah“ oder: Kontrolle und Schuld, zwei Seiten einer Illusion

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