2. Runde

Ach ja…die Hoffnung stirbt zuletzt. In unserem Falle 12 Tage nach der IUI. Nachdem meine Frau eine Zeitlang überzeugt war, es habe geklappt, wechselten sich Unterleibsschmerzen und schwer zu deutende andere Empfindungen ab. Mitten im Urlaub in Südfrankreich trat die Regelblutung ein und gab der klitzekleinen Hoffnung, die trotz negativen frühen Tests am Vortag noch da war den Rest. Ich war ein bisschen überrascht darüber, wie traurig ich war, weil ich mich vorher irgendwie ziemlich „abgeklärt“ gefühlt habe, so ganz rational hinsichtlich der Chancen und Wahrscheinlichkeiten. Ein echter Tiefschlag in einem ansonsten eigentlich ganz schönen Urlaub, den wir erstmalig in unserem frisch zum Campingauto umgebauten Hochdachkombi verbringen.

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Die Liebste mit Blick auf Cassis

Tja, wir gehören also nicht zu diesen furchtbar Glücklichen, bei denen es im ersten Durchgang direkt klappt und auf die wir jetzt mit vollem Recht neidische Blicke werfen können. Dazu kommt, dass in unserem Umfeld genau das passiert, was offenbar viele in der Kinderwunschzeit erleben. Es ist um uns herum die reinste Schwangeritis ausgebrochen. Drei im Bekanntenkreis sind schwanger, in meiner Abteilung auf der Arbeit gehen drei Kolleginnen in Mutterschutz, eine Freundin hat gerade einen kleinen Sohn bekommen. Und wir: hängen in der Luft.

Unmittelbar nachdem klar ist, es hat nicht geklappt, fängt der Kopf an zu rattern: wann wird der nächste Eisprung sein, wann fangen wir mit den Ovutests an, wo gehen wir hin, was brauchen wir, was machen wir anders…nach dem Hibbeln ist vor dem Hibbeln oder so. Wir beginnen zu begreifen warum manche Menschen in dieser Mühle pausieren wollen oder müssen. Aber wir nicht. Jedenfalls noch nicht, nicht jetzt. Wir planen also sofort Runde zwei.

Zeitlich kriege ich es nicht hin, nächstes Mal mit nach DK zu fahren. Das sind für uns zwei ganze Tage, die platt sind, dieses Mal mitten in der Arbeitswoche, frei nehmen geht nicht. Ohne mich mag meine Liebste nicht hinfahren. Außerdem war die Prozedur in DK recht unangenehm und schmerzhaft für meine Frau. Die Hoffnung lautet: vielleicht ist es woanders besser. Ich besinne mich auf eine Ärztin, bei der wir im letzten Herbst mal waren, ist zwar anderthalb Stunden von uns, aber das ist ja ein Klacks im Vergleich mit DK. Sie führt Inseminationen für Frauen durch, einziges Problem: wir müssen einen Stickstofftank bestellen, sie hat in ihrer Praxis keine Aufbewahrungsmöglichkeiten.

Aus dem Urlaub zurück, nehmen wir Kontakt auf. Ja, wir können natürlich gerne kommen. Wir sprechen alles Formale ab, schicken Donnerstag aus DK die nächste Dosis von Mr. Lovely los, und am Freitag treffen die in der Praxis ein. Meine Frau ist schwer beeindruckt von der logistischen Leistung. Jetzt heißt es warten. Ich rechne mit dem Eisprung am Dienstag, aber wir testen schon ab Donnerstag davor ganz brav. Sonntag morgen kommt dann ein eindeutig positiver LH-Test, und vom letzten Mal haben wir uns gemerkt: wir werden erst aktiv, wenn die Testlinie stärker ist als die Kontrolllinie. Das ist der Fall! Dabei ist erst Zyklustag 12 – egal.

Zum späten Nachmittag sind wir also auf dem Weg zur nächsten IUI. Irgendwie auch ganz schön, ganz in Ruhe machen zu können, und die leeren Sonntagsautobahnen zu genießen. Die Ärztin kommt extra zur Praxis für uns. Sie macht einen Follikelschall – der Follikel sitzt wieder links, ist aber ziemlich klein: 17x18mm. Beim letzten Mal war er bei der IUI schon 20×22. Wir sind verunsichert. Ist es doch noch zu früh? Sollten wir morgen noch mal zu unserer heimatlichen Gyn zum vorterminierten Schall? Die Ärztin meint nein, dann könnte er schon weg sein. Lieber jetzt. Also gut. Die Mr. Lovelys werden sanft aufgeweckt und wir dürfen einen Blick ins Mikroskop werfen. Schon irre, die ganzen kleinen Schwimmerchen wuseln zu sehen!

Nun geht es also an die IUI.  Oh je, also wie soll ich das schildern? Vielleicht am besten in dem man die Arbeit mit den Hebammen in DK vergleicht: dort ging es sehr langsam, mit viel Geduld. Es dauerte lange, aber sie gaben sich Mühe so behutsam wie möglich zu sein und waren dabei verbal sehr unterstützend und fürsorglich. Diese Ärztin versucht es eher mit der Methode Holzhammer. Wenn man es positiv ausdrückt, könnte man sagen sie ist entschlossen und effizient, negativ könnte man sagen wenig feinfühlig. Nachdem das erste „Stochern“ nicht klappt, was für meine Frau schon sehr unangenehm ist, holt sie schließlich eine Zange und zerrt damit  den tiefliegenden Gebärmutterhals mit Gewalt nach vorne herum, meiner Frau wird fast schwarz vor Augen. Dann bahnt sie den Weg mit einem dicken Stab, sah aus wie eine dicke hohle Stricknadel, durch dem Muttermund, die Liebste krümmt sich vor Schmerz. Dazu muss ich sagen, dass meine Frau (im Gegensatz zu mir) wirklich viel Erfahrung mit chronischen und akuten Schmerzen aller Art hat und echt viel aushalten kann, und ich merke an ihrer Reaktion dass das schon echt eine ganz heftige Sache ist. Immerhin, die Ärztin ist dann durch bis zum Uterus gekommen und drückt die Spritze ab, aber danach holt sie erst mal einen blutigen Tupfer nach den anderen aus meiner Frau. Der Gebärmutterhals blutet erst mal ziemlich stark durch die Zange und tut auch nach der Prozedur noch sehr weh.

Ich muss sagen, wir waren beide ein wenig geschockt von dem Ganzen. Das einzig gute daran war, dass es dieses Mal wirklich nur etwa 10 Minuten dauerte bis die Samen da waren wo sie hin sollten, aber alles andere…meine Frau stöhnt noch auf der Liege, sie wolle ab jetzt nur noch eine IVF. Sie hat danach erst mal Probleme mit dem Kreislauf, als wir später zum Auto laufen übergibt sie sich fast.

Also ehrlich, ich weiß nicht, ob wir diesbezüglich so falsche Erwartungen hatten oder zu zimperlich sind, aber eigentlich sollte eine Insemination doch (fast) schmerzfrei sein, oder?

Um zu wissen, ob der Eisprung nachts stattgefunden hat, geht meine Frau am nächsten Tag trotzdem zum vereinbarten Gyntermin. Großer Frust: der Follikel sitzt noch da, 18×20 mm, und denkt nicht daran zu springen. Außerdem meint die Gyn auch noch, ihrer Meinung nach sollte es sogar noch zwei bis drei Tage dauern bis da was passiert. Ob wir nicht noch mal inseminieren könnten. Ähm, also erstens: nein. Und zweitens: auf keinen Fall.

Die Liebste ruft an und ist verzweifelt. Alles umsonst, der ganze Mist  – und das ganze Geld!

Später wühlen wir uns stundenlang und besessen durch Internet und kommen zu der Überzeugung: die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Der Zeitpunkt wäre – wieder!- etwas später besser gewesen, aber nach dem LH-Verlauf, den wir dieses Mal akribisch dokumentiert und analysiert haben, muss der Eisprung noch irgendwann zwischen Montag Abend und Dienstag Morgen gewesen sein. Jedenfalls wollen wir das ganz fest glauben, und irgendwann setzt das magische Denken ein, als würden die Infos durch die man sich wühlt, irgendetwas am Ergebnis ändern können. Denn im Grunde können wir außer abwarten jetzt gar nichts tun.

 

 

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2 Gedanken zu “2. Runde

  1. Deine Beschreibung kommt mir sehr bekannt vor und hat bei uns auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen…hast du vielleicht Lust, dich dazu mal auszutauschen?

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